Sicherheit, Teil1: Das RISIKO
Ich werde immer wieder mal gebeten meine beliebten „Sicherheitsseminare“ doch wiederzubeleben. Da fehlt im Moment aber Antrieb und Zeit, da eine Anpassung auf aktuelle Umstände eine Mammutaufgabe wäre: Die Welt spielt verrückt! Aber eine kleinere Serie mit Basics? Lies weiter, denn in Teil 1 geht es um das RISIKO.
Was für ein „unkalkulierbares“ Risiko!
Wer kennt so eine Aussage nicht? Ich glaube, jeder hat sie schon einmal gehört und selbst eventuell benutzt. Aber versteht auch jeder, was damit gemeint ist? Sicherlich nicht. Es sei denn, er beschäftigt sich mit den Grundlagen der Sicherheit. Denn: Grundsätzlich ist das Risiko durchaus kalkulierbar, oder „berechenbar“, wie man auch sagt und dies will erst einmal verstanden werden und darum geht es jetzt.
Risiko ist eine Formel!
Ohne lang schnacken: Die Risikoformel lautet:

Das Risiko berechnet sich als, indem wir das Schadenspotential mit der Wahrscheinlichkeit des Eintritts dieses Schadens multiplizieren. Das ist abstrakt und muss erklärt werden. Also: Der Schaden kann einen Wert von 0 (Null) bis 1 (eins) annehmen. Dabei bedeutet die eins den größtmöglichen Schaden. Je nach zu betrachtenden Szenario muss dies aber nicht gleich der eigene Tod oder gar der Tod einer Gruppe bedeuten. Es kann auch das Risiko betrachtet werden, dass z.B. ein Fahrzeug ausfällt oder ein benötigtes Werkzeug unbenutzbar wird und so weiter. Die Zweite Variable ist dann der Überlegung geschuldet, wie wahrscheinlich das Eintreten des betrachteten Falles ist und bezogen auf diesen einen betrachteten Fall (Case) kann dann ein zugehöriges Risiko ermittelt werden.
Einzelfall und Gesamtrisiko
Wir können also durch eine sehr einfache Rechnung die Risiken für bestimmte Vorfälle abschätzen. Wenn wir nun einige Vorfälle abgeschätzt haben, werden wir natürlich nie ein „echtes“ Gesamtrisiko ermitteln können – Niemand denkt wirklich an alles. Das Schicksal ist findiger, als wir erfahren! Ein erfahrener Bewerter, die s.g. „Sicherheitsexperten“, sind daher ein Garant dafür, dass man einem gut abgeschätzten Gesamtrisiko am Ende recht nahe kommt. Dazu muss man halt wissen, was für Gefahren lauern, diese als mögliche Zwischenfälle definieren und dann das Risiko einzeln bewerten. Logo! Aber dann? Wie kommen wir, wenn mehr oder eher minder alles mögliche abgeschätzt wurde zum Gesamtergebnis? Es müssen alle gefundenen Risiken addiert werden. Leitsatz:
Das Gesamtrisiko ist die Summe aller Einzelrisiken.
Das fehlen eines eklatanten Risikos in dieser Summe hat dramatische Folgen! Es müssen zur Bewertung eines Gesamtrisikos ALLE relevanten Fälle gefunden werden.
Ist dies nicht möglich, muss das Risiko als „unkalkulierbar“ markiert werden. Der Nutzen entsteht dann gemindert dadurch, dass wenigstens die gefundenen Fälle betrachtet und darauf reagiert wird.
Das erklärt abschließend den theoretischen Teil ganz gut. Aber:
Gefahren bei der Abschätzung von Risiken: BIAS-Gefahren
Es gibt drei Ansatzpunkte in der Formel, die halt aus drei Teilen besteht – Logo. Das bedeutet, der Mensch ist im Allgemeinen so konstruiert, dass er eher unangenehme Positionen nicht einnimmt. Es kann dann ein unbeteiligter, unabhängiger Dritter dafür sorgen, dass auch unangenehme Fälle zutage treten. Es gibt nun eine ganze Reihe von in der Persönlichkeit bestimmter Menschen verankerter Fehlerquellen. Ich will einige nennen und darauf hinweisen: Wer sich etwas vormacht, betrügt sich selbst. Das wäre der sportliche Ansatz. Der Sicherheitsansatz lautet: Wer sich selbst nicht einschätzen kann, gefährdet andere! Kennt eure Ideologien und Grundsätze und Werte, denn in der Sicherheitsbetrachtung sind dies Fehler, die mehr oder minder schlimme Folgen haben werden.
Bias | Erklärung |
---|---|
Overconfidence Bias | Die Tendenz, die Genauigkeit der eigenen Schätzungen zu überschätzen. |
Anchoring Bias | Die Neigung, sich zu stark auf die erste Information (den „Anker“) zu stützen. |
Availability Bias | Die Tendenz, Schätzungen auf leicht verfügbare Informationen zu stützen. |
Optimism Bias | Die Neigung, die Wahrscheinlichkeit negativer Ereignisse zu unterschätzen. |
Normalcy Bias | Die Tendenz, extreme Ereignisse zu ignorieren und anzunehmen, dass alles normal bleibt. |
Confirmation Bias | Die Tendenz, Informationen zu suchen und zu interpretieren, die bestehende Überzeugungen bestätigen. |
Recency Bias | Die Neigung, jüngste Ereignisse oder Informationen stärker zu gewichten. |
Hindsight Bias | Die Tendenz, vergangene Ereignisse als vorhersehbarer zu betrachten, als sie tatsächlich waren. |
Self-serving Bias | Die Neigung, Erfolge sich selbst zuzuschreiben und Misserfolge externen Faktoren. |
Status Quo Bias | Die Tendenz, den aktuellen Zustand beizubehalten und Veränderungen zu vermeiden. |
Diese Biases können die Entscheidungsfindung und Risikobewertung erheblich beeinflussen. Es ist wichtig dabei zu erkennen, für welche dieser Fehler man selbst zugänglich ist und sie, zumindest für eine realistische Risikobewertung, auszublenden. Ein Risiko abzuschätzen bedeutet nicht, dass wir besonders liberal, konservativ, religiös, sekular oder Woke sein müssen – Die Risikoabschätzung kann nicht als Propaganda einer Agenda dienen, da ihre Folgen meist ernst genommen werden und bei hohen Eintrittswahrscheinlichkeiten auch eintreten werden. Die Glaubwürdigkeit unserer Abschätzungen und damit unsere eigenen Abschätzungen wäre im Best Case dahin. Im Worst Case sind wir und diejenigen, die sich auf uns verlassen haben, tot. Bei ernsten Fällen ist die Risikobewertung also kein Spielplatz von irgendwelchen Grundsatzdebatten – Wir sind beim Risiko nicht bei „Wünsch Dir Was!“, sondern bei: „So isses!“
Beispiel Einzelbetrachtung und Risikominimierung!
Woran denkt wohl jeder? Na klar: Wie sicher lebe ich eigentlich dort, wo ich lebe. Dabei handelt es sich um eine extrem komplexe und sogar Mehrdimensionale Betrachtung, die als Beispiel leider nicht geeignet ist und erst recht nicht, als einleitende Einzelbetrachtung!
Daher wählen wir etwas anderes, denn wir wollen auch auf den wichtigsten Aspekt schließen: Risikominimierung!
Wir wollen wandern gehen. Da kann natürlich vieles schief gehen. Wir könnten uns verirren. Berechnen wir also das Risiko dafür. Geht nicht! Es fehlen nämlich möglichst genaue Annahmen. Also: Wir wollen über Wochen in der Sahara völlig ohne fremde Hilfe wandern. Schauen wir mal:
Risiko sich verirren in der Sahara = 1 x 0,95
Das Risiko sich in der Wüste, wo alles gleich aussieht zu verirren beträgt 95%. Es ist schon eher ein kleines Wunder, wenn man sich nicht verläuft. Der Schaden, der eintreten wird ist schlichtweg der Tod durch verdursten oder Kreislaufkollaps wegen der Temperatur.
Bewertung des Risikos
Dieses Risiko einzugehen, bei dem man schon sehr wahrscheinlich schlichtweg draufgeht, gleicht dem eines Himmelfahrtskommandos. Eine Touristin, die ohne Navigationsmittel oder fremde Hilfe in so einer Gegend herumläuft, stirbt nach kurzer Zeit. Ist also keine gute Idee. Wie kann man sich aber helfen, wenn man so ein Risiko abgeschätzt hat zu ermitteln: Lohnt sich das? Na ja: Dazu muss die eigene Risikobereitschaft festgelegt werden. Kann ja sein, dass jemand den Kick sucht und 5% Restchance als absolut okay empfindet. Aber hinterher nicht jammern, wenn man nicht der Superheld ist, der halt übermenschliche Kräfte besitzt. Für ihn wäre so ein Risiko natürlich bei nur 25%, also 0,25. Er kann das dann als normales Abenteuer verbuchen.
Mal weg von Superhelden, die es nicht gibt, hin zur Selbstwahrnehmung: Profi, Amateur oder blutiger Anfänger? Das Risiko hängt stark daran, wie erfahren jemand in jeweiligen Situationen ist, also weiß, wie sich z.B. durch Kenntnis über die Lage von Brunnen und Oasen die Eintrittswahrscheinlichkeit senken lässt. Der Worst Case bleibt aber bestehen: Verirrt sich der „Oasenfinder“, sterben alle Beteiligten.
Kurzum: Das Risiko ist schlichtweg zu hoch. Konkrete Zahlen kann man aber nicht nennen, denn jeder schätzt anders ab! In erster Näherung sind es bei mir sehr, sehr grobe Einschätzungen in Form einer Ampel:

Also im Bereich von 0 bis 0,33 (bis 33%) ist das Risiko in erster Näherung gering. Guten Gewissens können Vorhaben also angegangen werden, weil sie wahrscheinlich gelingen. Zwischen 33% und 66% sieht das schon anders aus, nämlich ABENTUERLICH. Es besteht ein durchaus reales Risiko zu Schaden zu kommen. Nun: Exakt dies ist es, was ein Abenteuer ausmacht! Man muss dann für sich oder mit anderen entscheiden: Ist es das wert? Kommt ein Wert zwischen 66% bis zum sehr wahrscheinlichen Worst Case bei einer Betrachtung heraus, ist vom Vorhaben Abstand zu nehmen, ODER an den Parametern zu schrauben, sprich wir müssen zusehen, dass wir Maßnahmen ergreifen, die das Risiko deutlich reduzieren! Im Prinzip sind die ROTEN Fälle also eigentlich das Betätigungsfeld von Sicherheitsberatern oder Beauftragten.
In unserem Fall können wir das Risiko uns zu verirren deutlich reduzieren, indem wir einen Guide anheuern. Sagen wir: Dies minimiert das Risiko um 20% auf 0,8. (1-0,2=0,8!) Wir könnten zudem selbst Hilfsmittel mitnehmen, die dem Verirren entgegenwirken. Das bringt leider erstmal gar nichts. WAS?! Genau: Richtig gelesen. Korrekt muss es heißen: Wir müssen für den Einsatzzweck geeignete Hilfsmittel kaufen, diese mit passenden Kartenmaterial versehen (Voraufklärung) und die Bedienung beherrschen. Dann schätzen wir, dass das Risiko sich um weitere 10% senken lässt, was also bedeutet, dass unsere Eintrittswahrscheinlichkeit auf 1-0,1 = 0,9 sinkt. Wenn wir dann noch eine Karte und einen Kompass dabei haben und Dinge kennen, wie Marschzahl und Kurs – Dann sind weitere 5% in Ordnung anzunehmen, da es eine Ausfallsicherheit zum Guide und dem elektronischen System bietet.
Am Ende konnten wir also folgendes erzielen: Durch Guide, GPS und Karte/Kompass: Gemindertes Risiko = 0,95 x 0,8 x 0,9 x 0,95 = 0,65.
BEACHTET DIE BERECHNUNG! Wir müssen bei einer Reduzierung eines Risikos um 5% umrechnen: 100% – 5% = 95% was dann 0,95 Eintrittswahrscheinlichkeit bedeutet. Aus „Reduzierung“ müssen wir als erstmal eine Eintrittswahscheinlichkeit berechnen, denn diese haben wir in der Risikoformel ja auch betrachtet. Gleich muss es sein!
Wir sind durch Ergreifen von Maßnahmen also aus einem Himmelfahrtskommando hin zu einem Abenteuer gekommen. Wenn wir jetzt noch die Folgen minimieren, die durch ein Verirren eintreten?! Wir nehmen also ausreichend Wasser mit und ein gutes Satelitennotrufsystem und organisieren oder engagieren eine RETTUNGSKETTE. Die Anbieter machen glaubhaft, dass wir im Worst Case nicht sterben. Sie setzen völlige Genesung an und errechnen nunmehr 0,5 als Schadensindex. Wir nehmen unser bereits gemindertes Risiko und berechnen: RISIKO NACH MASSNAHMEN = 0,65 x 0,5 = 0,33. Durch Milderung von Folgen des Risikos konnten wir aus einem Himmelfahrtskommando also ein kleines Abenteuer werden lassen, welches JETZT, also nachdem wir durch Maßnahmen sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit, wie auch die Folgen minimiert haben, durchaus angehen können? FALSCH! Denn sich zu verirren ist ja nur ein Risiko unter vielen, mit denen wir in der Weite der Sahara rechnen müssen.
Trennung zwischen Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe
Feindselige Menschen soll man dort weniger antreffen, als angenommen. Im Prinzip durchqueren zahlreiche Touristen Gebiete wie den Iran oder Afghanistan und befinden sich derzeitig sogar auf Touren durch Russland und: Ihnen geschieht nichts! Ist das Risiko deswegen gering? Nein.
Ich wandere ja in der Tat gerne und habe immer ein gewisses MINDESTSETUP dabei. Regenklamotten, Wärmereserve, Snack und Trinken. Immer trage ich ordentliche Wanderstiefel und ist ein Klettersteig angesagt, so ist natürlich das passende Geschirr dabei. Ich sehe immer wieder Menschen, die ihr Risiko in schwarzen Klettersteigen ohne Geschirr und Absicherung falsch bewerten:
Dass eine Lebensgefahr besteht, lässt sich nicht unbedingt dadurch wegrationalisieren, dass wir aufgrund einer sehr geringen Eintrittswahrscheinlichkeit es dem Zufall überlassen, ob wir draufgehen. Bei normalen Wetter und top fit mag so manch Ausflug ohne jegliche Risikominimierung durchaus den Schluss zulassen: Passiert schon nix. Es ist noch nie was passiert. Wenn, tja: Dann bist du aber tot. Hier gerät übrigens meine Ampel an ihre Grenzen: Ein Schaden in Höhe von 100%, also der Tod und eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit von einem Prozent… das bedeutet im Beispiel des Klettersteiges: Von 100 Personen, die völlig ohne Absicherung einsteigen, stirbt einer. Das ist sehr realistisch, da 99% der Besucher sich ja absichern. Berechnen wir mal: Risiko = 1 x 0,1 = 0,1… also kein Problem? Obacht: Lasst den gesunden Menschenverstand ANGESCHALTET: In der Tat passiert euch ja in 99 Fällen nichts. Würdet ihr aber eine Operation durchführen lassen, die nicht notwendig ist und bei der der Arzt sagt: Also, jeder hundertste stirbt dabei. Na ja: Aber 99 überleben halt! Heute haben es sogar schon 80 geschafft. Fehler: Jeder Patient trägt ein eigenes Risiko. Weil es 80 geschafft haben, bedeutet dies ja nicht, dass „nur noch“ 19 frei sind oder dass auch die nächsten 19 Patienten nix geschieht. Wird ja nicht abgezählt, hoffen wir mal. Wichtiger wäre die Frage: „Wie viele sind denn letzte Woche gestorben?“ und die Antwort kann zum Umdenken anregen, wenn so zahlen um die 100 oder so in den Raum gestellt werden. Heißt es aber: „Also im letzten Jahr ist nur einer gestorben!“ – So neigen wir dazu: Na denn! Mal los! Ist aber auch falsch, denn wir kennen das Los nicht, also wie viele haben sich denn behandeln lassen? ZWEI? Oder tausend?
In meinem Fall: „Siehst du! Kein Problem! Wir haben es natürlich geschafft!“ – Im Restaurant, als man die Familie mit Badelatschen aus dem Klettersteig wiedergesehen hat. Risiko bedeutet nicht, dass etwa schlimmer passieren muss. Die Familien, die es nicht geschafft haben, die sieht man nicht wieder, die vermelden keinen Hohn: „Ha! Helm und fette Schuhe bei 30°C!“ – Die sind einfach weg und treten öffentlich nicht mehr in Erscheinung. Außer ihrer Todesanzeige.
Kurzum:
Gehirn muss eingeschaltet bleiben, um systematische Fehler und vor allem eine korrekte Risikobewertung am Ende durchzuführen. Es interessiert also NIEMALS nur das Ergebnis! Es gibt „NO-GOs“, also Dinge, bei denen man einfach kein Risiko eingehen möchte.
Zurück zum Beispiel der Wüstenwanderung: Wir haben ja durch Maßnahmen gegen die Eintrittswahrscheinlichkeit schon das Risiko gut gesenkt. Aber wir wissen: Wenn diese Maßnahmen fehlschlagen, sind wir dennoch tot. Ist das Wasser alle und die Rettungskette unterbrochen, ist dies übrigens auch der Fall! Darum gegen die allermeisten solche Abenteuer gar nicht erst ein. Das Risiko wird subjektiv immer hoch bewertet, wenn man dabei drauf gehen kann. Immer? Nein: Es gibt Extremsportler, die sind fein damit. Es gibt Lebenskünstler, die sind fein damit und es gibt Gesellschaften, die sind „Risikobereiter“. Die Deutschen tendenziell eher nicht. Die „GERMAN ANGST“ ist genau dadurch geprägt, dass wir genau anschauen, welche der Risikofaktoren wir wie beeinflussen können. Dabei genügt es uns nicht, wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit sinkt – Wir wollen am liebsten ewig leben. Daraus folgt auch die gewisse Trägheit bezüglich Veränderungen. Wir kennen es: Ein Risiko einzugehen, dafür sind Deutsche nicht bekannt. Sie planen alles bis zur Perfektion aus und gelingt dies nicht, so lässt man es eben.